IRAKLIA: Ich würde sie wahrscheinlich mit verbundenen Augen an ihrem Geruch erkennen, noch bevor die Fähre anlegt: diese vertraut gewordene Mischung aus salzig-bitterer Meeresluft, ... 

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Projekt Elpida

„ELPIDA“ ist eine kleine private Organisation zur Unterstützung der Menschen auf der kleinen Kykladeninsel Iraklia, die durch die wirtschaftliche Krise unverschuldet in Not geraten sind.

Projekt Elpida

Farben, Düfte und die vielen unterschiedlichen Geräusche in der Natur faszinieren mich seit meiner Kindheit - selbst die gewagtesten Farbkombinationen wirken hier harmonisch. 

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... vermischt mit undefinierbar Fischigem, das an jedem heißen Nachmittag von den Netzen aufsteigt, die die Fischer für den Nachtfang zurechtrichten. Ab und zu eine dezente Nase voll Diesel, wenn ein kleines Boot vorbeituckert. Diese allsommerliche, so offensichtliche Verschwörung von glühender Hitze, Trockenheit, Staub und Windstille - und über allem der wunderbar herbe Duft des wilden Thymian.

Ich bin wieder da und jede Pore saugt sich mit Eindrücken voll. Bekannte Gesichter, Umarmungen, Lachen, Tränen der Wiedersehensfreude. Außer mir kommt noch ein knappes Dutzend Touristen an, zwei mit dem Motorrad, eine Familie mit dem Auto. Außerdem Kisten mit Bier und Wein, ein Fass Raki, Trinkwasser in den unvermeidlichen Plastikflaschen, Säcke mit glänzenden Auberginen, riesigen Kartoffeln und Zwiebeln, Kartons mit knackig grünen Paprika und dickfleischigen, dunkelroten, sonnengereiften Tomaten. Alle packen mit an, rufen durcheinander, lachen, rennen, schwitzen.

Eine gute Handvoll nimmt Abschied. Man sieht an ihren Gesichtern, dass ihr Urlaub ein guter war. Die letzte, innig verzweifelte Umarmung einer Urlaubsliebe, die jetzt endgültig getrennt wird. Eine Träne hinter dunklen Gläsern, ein tiefer Seufzer. Dann ein dumpfes, langgezogenes Tuten, die armdicken Taue werden hochgezogen und die Skopelítis, der schwimmende Linienbus zwischen den kleinen Kykladeninseln, verlässt rauchend den winzigen Hafen.

Natürlich gibt es auch hier seit wenigen Jahren das vertraute „Rooms, rooms!“, aber es klingt anders als auf den großen Inseln. Kein lärmendes Drängen, kein aufdringliches Rufen, hier ist es ruhiger, freundlicher, einladend. Ich lehne dankend ab und lege meinen schweren Rucksack auf Jorgos´ herrlich altehrwürdigen rostig - roten Pickup, dann mache ich mich zu Fuß auf, um gute zwanzig Kilo leichter. Verschwitzt, staubig, glücklich, mit nur mehr einer Wasserflasche in der Hand. Ich will in meinem Tempo über den Hügel gehen und ganz bewusst jede Veränderung im Blick auf die Landschaft erleben, Vertrautes wieder erkennen. Vermutlich werde ich jetzt ein Monat lang in kein Auto mehr steigen. Die Uhr habe ich schon während der Fahrt auf dem kleinen Fährschiff abgenommen, mein alljährliches Umstellungsritual. Hier ist die Zeit eine andere: Sonnenzeit und Mondzeit. Tag und Nacht. Morgen und Abend. Vormittag und Nachmittag. Dämmerung.

In meiner Lieblingstaverne fliegt mir Stella, die beste Köchin in der Ägäis, um den Hals. Sie hat einen kleinen, weiß blühenden Basilikumzweig als duftenden Willkommensgruß für mich. Weitere Umarmungen von Bekannten, die im Laufe der Jahre zu Freunden geworden sind. Ein kühler Café frappé auf der Terrasse mit Blick aufs Meer, ein erster, kurzer Austausch über die wichtigsten Ereignisse des vergangenen Jahres in unseren Leben. Ein Bissen Brot, ein paar Oliven, eine sonnenreife Tomate frisch aus dem kleinen Gärtchen, Salz, grüngoldenes Olivenöl. Das Paradies.

Nach der kleinen Stärkung mache ich mich auf den Weg zu meinem Schlafplatz. Zuerst den gewundenen Ziegenpfad entlang hinunter ans Meer, über flache Felsplatten bis zum Beginn der Livádi-Bucht. Dort wartet schon mein Rucksack. Mit nackten Füßen geht´s weiter durch den weichen, feuchtheißen Sand. Die Sohlen lass ich mir von den flachen Wellen kühlen. Vorbei an vielen neuen und einigen vertrauten Gesichtern - Wiederholungstätern wie ich, was die Wahl des Urlaubszieles betrifft. Sie alle genießen noch die späte Sonne. Einige winken, ein paar kommen gelaufen, um mich zu umarmen. Es ist wie heimkommen in eine große Familie.

Am Ende des Sandstrandes bleiben mir noch die letzten hundert Schritte den Berg hinauf. Kein Weg führt durch diese karge Landschaft, ich steige achtsam zwischen dürren Pflanzen und losem Geröll aufwärts. Jeder einzelne Schritt ist eine Herausforderung an Konzentration und Trittsicherheit. Ich liebe dieses Gehen hier, es macht mich wieder ruhig, gelassen und sehr wach.

Er ist frei, so wie jedes Jahr, wenn ich komme. Ich stelle meinen Rucksack ab und sehe mich um. Alles ist, wie es war: der unbegrenzte Blick hinunter aufs Meer und über die Bucht mit den paar wenigen weißgetünchten Häusern im typischen Kykladenstil. Der Baum und der Busch, zwischen denen ich die Leine für das Badetuch und die Wäsche festmachen kann. Der unscheinbare, abgeschnittene Ast in der Form eines springenden Delphins, mein alter und zuverlässiger Wächter. Der fast waagrechte Liegeplatz aus den vielen Steinen mit Sand in den Zwischenräumen, auf dem ich zuerst die dünne Strohmatte, dann meine Liegematte und obendrauf den Schlafsack ausbreite. Daneben etwas vertrocknetes Gras, ein paar dornige Pflanzenpolster und einige Thymianbüsche, auf denen noch violette Blüten stehen. Ich zerrreibe ein paar davon zwischen meinen Fingern und inhaliere den intensiven Duft mit geschlossenen Augen. Er wird noch lange an meiner Haut haften. Das ist der Inbegriff griechischer Gewürzkräuter. Ich freu mich jetzt schon auf die Zweige, die ich wieder mit nach Hause nehmen werde in meine Küche...

Ein paar Heuhüpfer, Ameisen, Zikaden und kleine, flinke Eidechsen. Die paar großen Kiesel, das bizarr gewachsene Holz und die Muschel, die ich im letzten Jahr zurückgelassen habe, liegen noch an derselben Stelle. Daneben hat jemand aus kleinen Schneckenhäusern ein Herz gelegt. Das ist neu. Wahrscheinlich hat ein verliebtes Pärchen an diesem Platz den Sonnenuntergang erlebt. Oder es ist ein Willkommensgruß für mich. Mein Platz. Mein Hunderttausend – Sterne – Hotel.

Noch bevor alles andere ausgepackt ist, nehme ich Flossen, Schnorchel und Taucherbrille und gehe noch einmal die paar Schritte hinunter zum Strand. Bevor die Sonne untergeht, muss ich das Meer begrüßen. Das erste Eintauchen nach einem Jahr ist immer wie die leidenschaftliche Umarmung zweier Liebender nach langer Trennung.

Zuerst an der Oberfläche, das Salzige schmecken, den Blick durch die blaue Weite schweifen lassen. Heute ist es unglaublich klar. Auf dem Sand bewegen sich ganz langsam ein paar winzige Einsiedlerkrebschen. Sonst nichts, nur das helle Sonnennetz, fließend weich, in immerwährender Veränderung, wie optische Dauerwellen. Mein Blick verfängt sich lange in diesem Netz, und mein Geist kommt zur vollkommenen Ruhe. Entspannt lasse ich mich eine Weile treiben.

Weiter draußen, wo es tiefer wird, liegen die Seegraswiesen fast unbewegt zwischen den großen, weit verstreuten Felsbrocken. Ein paar sehr tiefe Atemzüge noch an der Oberfläche, dann ist kein Halten mehr in mir – ich muss hinunter. Mit wenigen Flossenschlägen bin ich in der Tiefe, gleite schwerelos über den sanften Grund, berühre die Kämme der kleinen Sanddünen mit meinem Leib, schwebe langsam durchs endlose Blau, umhüllt und geborgen, wie von tausend warmen Samthänden gestreichelt. Getragen im weichen Element, aus dem wir alle kommen. Meine Wahrnehmung ist umgeschaltet von denken auf fühlen. Ruhige Bewegungen, alles ist leicht und vertraut. So muss es im Mutterleib gewesen sein. Ich bin eins mit meiner Umgebung, meiner Urheimat. Nach einer zeitlos  scheinenden Weile hat mich der natürliche Auftrieb wieder an die Oberfläche gebracht. Einatmen. Ich bin angekommen.

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